Therapiebegleithund

Der folgende Artikel erschien im Eurasierjournal 2/2019 und wurde von Iris Geiger geschrieben, die mit zwei Hündinnen aus unserer Zucht, Alva und Céilí vom Margaretenhof, arbeitet.

Ein Eurasier als Therapiebegleithund

Ich arbeite seit 6 ½ Jahren im Autismus-Therapie-Zentrum (ATZ) in Paderborn. Im November 2013 kam Alva vom Margaretenhof in unser Leben und damals war es schon mein Wunsch und mein Traum sie in die Therapie mit den Menschen mit Autismus einzubinden. Da wir sie aber nicht aus dieser Motivation heraus angeschafft hatten, ließ ich mir und ihr erst einmal Zeit, um heraus zu finden, ob das die richtige Aufgabe für sie sein könnte. Also nahm ich Alva immer mal wieder mit ins Büro, damit sie die Umgebung und die Kollegen kennenlernen konnte. Die Kollegen interessierten Alva von Beginn an gar nicht, sie fand es toll den Tag mit mir zu verbringen, auch wenn sie während meiner Therapiezeiten im Büro auf mich wartete. Trotzdem hatte sie immer wieder kurze Kontakte mit meinen Klienten und mit denen der Kollegen. Sofort fiel mir sehr positiv auf, dass Alva die Klienten unterschiedlichen Alters und unterschiedlich starker Beeinträchtigung nicht bestürmte, sondern sehr genau auf deren Reaktion achtete und ihr Verhalten darauf abstimmte. Sehr vorsichtigen Kindern nährte sie sich langsam, blieb immer wieder mit Abstand stehen, um zu schnüffeln und dann den nächsten Schritt vor oder je nach Signal des Gegenübers wieder zurück zu gehen. Als Alva ca. 3 Jahre alt war und die größten Flausen im Kopf vorbei waren, hatte ich mit ihr zwei Schlüsselerlebnisse, die mich darin bestärkten sie zukünftig in die Arbeit einzubinden. Menschen mit Autismus fehlt u.a. die Fähigkeit sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sie machen sich keine Gedanken darüber wie es anderen geht, was sie fühlen oder welche Bedürfnisse sie haben („Theory-of-Mind“ - Defizit). So auch mein damals 8-jähriger Klient mit Asperger-Autismus, bei dem dieses „Theory-of-Mind“ - Defizit in ganz ausgeprägter Form vorlag. Bei seinem ersten Treffen mit Alva gingen beide aufeinander zu, als würden sie sich schon lange kennen und der Klient begann, während er Alva streichelte, viele Fragen zu stellen, die mich in ihrem Inhalt „umhauten“: Wie alt ist Alva? Seit wann hast du sie? Was mag sie nicht? Mag sie den Staubsauger nicht, weil er laute Geräusche macht? Was macht Alva, wenn sie nicht mehr gestreichelt werden will? Wann werden Hunde „aggro“? Werden sie „aggro“, wenn man sie tritt und schlägt? Werden sie aggro, wenn man sie ohne Trinken und Essen alleine lässt? Alva hat eine schwarze Zunge! Sie sieht aus wie ein Wolf! Ich finde Alva sieht ganz schön aus! Ich fände es gut, wenn Mama Alva auch kennenlernen würde!

Ich war sehr beeindruckt, was Alva an Empathie hervor lockte.

Alva und Céilí vom Margaretenhof

In der zweiten Situation, die zum Schlüsselerlebnis wurde, war der Klient eines Kollegen beteiligt. Der Klient, ein nicht sprechender Jugendlicher mit Frühkindlichem Autismus und Trisomie 21, suchte bei der ersten Begegnung mit Alva grunzend das Weite. Beim zweiten Treffen standen sich beide gegenüber. Alva begrüßte den Kollegen und näherte sich langsam und entspannt dem Klienten, um vorsichtig zu schnuppern. Dieser wirkte unsicher, aber nicht ängstlich. Alva beobachtete seine Reaktionen ganz genau und nahm sich immer wieder kurz zurück. Dann beugte sich der Jugendliche nach vorne und guckte Alva an. Als er das ein zweites Mal tat, beschnüffelte Alva ganz vorsichtig sein Gesicht. Wir waren ganz fasziniert von dieser Begegnung.

Nach diesem Schlüsselerlebnissen erkundigte ich mich nach Möglichkeiten zur Ausbildung zum „Therapiebegleithundeteam“ und wurde in Steinfurt bei der SATTT (Steinfurter Akademie für Tiergestützte Therapie) fündig. Hier absolvierten wir die Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam. Alva fand die Praxis Seminare und die praktische Prüfung sinnlos, vor allem weil letztere am Seminarort und nicht am Einsatzort stattfand und war nur mäßig engagiert. Trotzdem haben wir viel über Hundeverhalten und Wirksamkeit der Tiergestützten Therapie gelernt.

Seit 2 Jahren arbeitet Alva jetzt offiziell mit mir im Therapiebegleithundeteam im Autismus Therapie Zentrum. Sie kommt nicht bei jedem Klienten zum Einsatz, das wäre auch zu viel, aber es gibt einige Klienten die regelmäßig mit ihr arbeiten oder bei denen sie in den Sitzungen dabei ist. Ihr Einsatz reicht von anwesend sein und dabei die Atmosphäre angenehm gestalten über Sinngeber sein (Gesprächsinhalte, etwas FÜR jemanden tun, etc.) bis zur Bewältigung von Bewegungsparcours oder Suchspielen.

Die positive Wirksamkeit der Tiergestützten Therapie

Wissenschaftliche Studien (Beetz et al 2012) haben ergeben, dass es bei der Tiergestützten Therapie verschiedene positive Wirkungsweisen auf den Menschen gibt. Hier ist vor allem Andrea Beetz in der Forschung tätig. Diese Wirkungsweisen sind unter anderem:

Soziale Interaktion: Förderung der Empathie, Stimulation von Sozialverhalten, Reduzierung von Aggressionen, Verstärkung positiver sozialer Aufmerksamkeit, etc.

Anti-Stress Effekte: Hemmung der Cortisol Ausschüttung, Senkung der Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, etc.

Wirkung auf Angst und Schmerz: Verminderung von Angst, Steigerung von Gelassenheit und Sicherheit, ec.

Effekte auf Lernverhalten und Lernvermögen: Steigerung der Aufmerksamkeit, Förderung der Konzentration, Verbesserung der Merkfähigkeit, Förderung angenehmer Lernatmosphäre

Wo ist denn das Leckerchen?

Fallbeispiele aus der Arbeit

Ein erwachsener Klient hatte bei Aufnahme der Therapie große Schwierigkeiten zum Termin zu kommen. Die Angst vor Neuem und Ungewohnten löste bei ihm Panik aus. Ich wusste jedoch, dass er Hunde sehr gerne hat. Also bot ich ihm an, dass Alva uns während der Sitzungen begleitet. Dieses Angebot nahm er sehr gerne an und konnte damit die Häufigkeit der stattfindenden Termine deutlich steigern.

Ein anderer Klient, 10 Jahre alt, zeigte starke Unsicherheiten im Kontakt und in der sozialen Interaktion. Es fanden kaum Gespräche zwischen uns statt und wenn, dann war er sehr einsilbig. Dieser Klient war der erste, bei dem ich Alva regelmäßig als Co-Therapeutin dazu nahm. Beide hatten sofort einen guten Kontakt zueinander. Nachdem wir ausführlich besprochen hatten, welche Regeln im Umgang mit einem Hund zu beachten sind, begannen wir kleine Spaziergänge zu machen. Diese Spaziergänge nutzte der Klient, um ausführlich von seinen Erfahrungen und Begegnungen mit Hunden zu erzählen. Das war ein beachtlicher Erfolg für jemanden, der vorher nie etwas von sich berichtete. Was der Klient gerne machte, war sich zu bewegen. Also bauten wir Bewegungsparcours, durch die er Alva führen konnte. Er plante diese Parcours, durchlief sie selber, um zu prüfen, ob sie für Alva zu bewältigen waren und führte sie dann über den Parcours. Alva freute sich immer sehr über diese Aufgaben. Wenn sie eine Station nicht bewältigen konnte, dann verweigerte sie sie und wir passten sie ihrem Können an. Mit so einer Aufgabe konnten wir mehrere therapeutische Ziele bearbeiten: eine Handlungsplanung entwickeln (Planung des Parcours), Empathie fördern (welche Aufgaben sind für den Hund leistbar), positive Selbstwirksamkeitserlebnisse, die das Selbstvertrauen stärken. Zudem konnte der Klient erleben, dass es nicht schlimm ist, wenn man etwas nicht schafft oder Fehler macht

Ein Barfußpfad für Mensch und Hund

Natürlich ist nicht jeder Hund für alle Arbeitsbereiche geeignet und auch nicht für jede Aufgabe. Alva mag z.B. nicht an der Gruppentherapie teilnehmen, die ich leite. Dort ist es ihr zu laut und zu wuselig. Sie wäre auch nicht geeignet für den Bereich der Lagerung mit pflegebedürftigen Menschen. Hier wäre ihr der Kontakt zu eng. Am liebsten hat sie Aufgaben wie die beschriebenen Parcours oder Suchspiele. Dann muss ich sie bremsen, damit sie nicht überfordert wird. Je nach Art des Einsatzes hat dieser höchstens jeweils einen Umfang von 15-20 Minuten und findet ein bis zwei Mal am Tag statt. Es gibt auch Tage, da hat Alva keine Lust zu arbeiten und kommt dann entweder gar nicht mit in die Einrichtung oder bewegt sich dort im Büro nicht von ihrer Decke herunter. Das ist völlig in Ordnung und kann auch therapeutisch genutzt werden. Auch nicht jeder Klient ist für die Arbeit mit dem Therapiebegleithund geeignet. Ich hatte einen Klienten, der Alva sehr gerne mochte, aber sehr aggressiv war und mich während einer Sitzung mehrfach angriff. Eine solche Situation wollte ich Alva nicht zumuten. Andere Klienten haben keinen Bezug zu Hunden und können sich in deren Anwesenheit nicht entspannen und lernen. Wichtig ist, dass sowohl Klient als auch Hund von der gemeinsamen Arbeit profitieren. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Studien: Therapiebegleithunde sind keinem höheren Stress ausgesetzt, solange sie sich frei bewegen, d.h. die Situation verlassen und sich zurückziehen können (Lisa Maria Glenk, Vetmeduni Vienna, 2014).

Seit November 2018 lebt Alvas Nichte Céilí vom Margaretenhof bei uns. Sie ist bereits jetzt schon ein kleiner Co-Therapeut und geht gerne mit ins Büro, um die unterschiedlichen Menschen dort kennenzulernen und sich an sie zu gewöhnen. Im Gegensatz zu Alva findet sie die Gruppentherapie sehr spannend und wenn sie genug gestreichelt wurde, dann legt sie sich in die Ecke und schläft….

Dies war ein kleiner Einblick in unsere Arbeit mit Menschen mit Autismus. Und wer behauptet, Eurasier taugen nicht zum Therapiebegleithund, der hat das noch nicht erlebt…



Iris Geiger mit Alva und Céilí vom Margaretenhof

Ein Nickerchen zwischendurch...